„Die Welle“ berührte das GaS

Bericht Till Hust, Januar 2013

Totenstille herrschte in der vollen Aula – eine beeindruckende Stille, die die Schauspieler des Theater-und Spielvereins „Die Kulisse“ aus Neunkirchen mit ihrem Stück „Die Welle“ über das junge Publikum aus den Klassen zehn bis zwölf legten.

 

Seit mehreren Jahren ist der Roman „Die Welle“ von Morton Rhue, der auf einer wahren Begebenheit an einer kalifornischen Highschool beruht, fester Bestandteil des Lehrplans Deutsch. Umso faszinierender, dass es den Darstellern der „Kulisse“ in diesem Jahr gelungen ist, eine ergreifende Verarbeitung dieses dramatischen Stücks auf die Bühne zu zaubern.

Der Fachkonferenz Deutsch des GaS gelang es, die Darsteller für einen letzten und somit historischen Auftritt an unserem Gymnasium zu gewinnen. Dass die Welle-Inszenierung gleich zu Beginn zur Besinnung auffordert, ist markant: Originalaufnahmen aus dem Konzentrationslager Auschwitz sorgen für Betroffenheit – hier Haufen toter Menschen, dort zeugen Bilder von Enteignung in Form von Schmuck, Kleidern, Zähnen und Knochen von den wohl schlimmsten Jahren seit der Existenz des Menschen. Wie konnte es in der Geschichte überhaupt soweit kommen; wie konnte es sein, dass der Mensch zu solch einem grausamen Geschöpf wurde? Dies alles sind Fragen, die in der Welle aufgerollt und in Anlehnung an einen Fall aus dem Jahre 1967 thematisiert werden. Die Regisseure nutzen das Thema „Nationalsozialismus“ als Grundlage. Die faschistische Strömung resultierte rückblickend aus vorherrschender Arbeitslosigkeit und unaufhaltsamer Inflation. Trotzdem hatten die Nazis zu Beginn „nur“ 10% Mitglieder. Eine trügerische Zahl, die von den Schülern zunächst völlig unterschätzt wird. „Ich würde es nie zulassen, dass eine kleine Minderheit die Mehrheit bestimmt“. Genau dieses Zitat dient dem Lehrer Ben Vogel als Anstoßpunkt seines gewagten Versuchs. Ihm gelingt es, aus einer trägen, lustlosen Schüler-Masse ein homogenes Gebilde zu formen, das sich durch den Leitsatz „Stärke durch Disziplin, Stärke durch Gemeinschaft“ auszeichnet. Auf einmal sind Schwächen anderer nicht mehr von Belang, sogar der vormals absolute Außenseiter ist von nun an akzeptiert und geht in seiner neuen Rolle als Alphawolf der Gruppe voll auf – mit fatalen Folgen. Die Welle wird zu einer Kraft, die nach vorne treibt, alles mitreißt und für ein Symbol der Veränderung steht. Aus den Schülern werden kleine Monster, werden „Übermenschen“, die scheinbar alles schaffen können und nur noch blind, wie eine Maschine, die Befehle des Lehrkörpers befolgen. Die Welle-Mitglieder sind in ihrer neuen Rolle exakt zu dem geworden, was für sie vor dem Experiment noch komplett unmöglich erschienen war. Nur Mia (Elena Schneider), die früh die Tragweite des Experiments erkennt, wagt es, sich gegen das System aufzulehnen, wofür sie sogar die Beziehung mit ihrem Freund aufs Spiel setzt. Als die Situation aus den Rudern zu laufen scheint, möchte der Lehrer das Projekt beenden und mit letzten Instruktionen seinen Schülern vor Augen führen, was aus ihnen geworden ist. Sie schlagen sogar potenzielle Feinde und wären womöglich auch zum Töten bereit.
„Aus euch wären gute Nazis geworden“, ein Satz, der beschreibt, wie schnell man sich in einer Gemeinschaft zu derartigen Handlungen verleiten lässt, ohne im geringsten die Tragweite zu reflektieren. Als das Ende besiegelt ist, dreht der in der zu seinen Gunsten aufgebauten Scheinwelt lebende, einstige Außenseiter Rüdiger durch und tötet die in seinen Augen verantwortliche Mia sowie einen anderen Schüler und sich selbst – Die Welle, ein geplantes Experiment, ist ausgeartet und hat ihr dramatisches Ende gefunden! Den abschließenden Rahmen bildet ein aktualitätsbezogener Rückblick auf das Thema Amokläufe in Deutschland. Beispielhaft werden hierfür sechs Amokläufe der vergangenen Jahre genannt, unter denen sich auch der Amoklauf aus dem Jahre 2009 befindet, als ein damals 17-jähriger 16 Menschen an einer Realschule in Winnenden tötete.

„Meine Intention bei dieser Einbettung war, dass es Amokläufe gibt und diese auch immer wieder kommen werden. Mobbing kann sehr weit gehen und gerade bei Leuten, die emotional instabil sind, zu derartigen Affekthandlungen führen“ erläutert Regisseurin und Jugendamt-Mitarbeiterin Sibille Sandmayer. Für sie war deswegen auch die Aufführung vor Schülern heute nochmals etwas ganz Besonderes: „Das Schülerpublikum ist allgemein unruhiger, weil man gerne direkt über das Gesehene spricht.“ Daneben gab es aber auch Passagen, die zum Lachen anregten, etwa Situationen, die jeder Schüler so im Schulalltag schon erlebt hat.
Für drei Schauspieler war der letzte Aufführungstermin sicher etwas ganz Besonderes: Elena Schneider, Hannah Sieren und Catarina Cottone durften in der heimischen Aula und vor den eigenen Mitschülern ihr schauspielerisches Können unter Beweis stellen und meisterten dies mit Bravour. „Vor den eigenen Leuten zu spielen ist natürlich wieder etwas ganz anderes und auch die Aufregung war heute etwas größer“, schmunzelt Elena Schneider, die sich sichtlich zufrieden mit der Resonanz zeigt. Eine tolle Inszenierung, die vielen die Augen öffnete und neben den erheiternden Momenten tief unter die Haut ging.