Was heißt es zu philosophieren?

Diese Frage beantwortet der Philosoph Thomas Nagel wie folgt:"Die Philosophie unterscheidet sich einerseits von den Naturwissenschaften und andererseits von der Mathematik. Im Unterschied zu den Naturwissenschaften stützt sie sich nicht auf Experimente und Beobachtungen, sondern al­lein auf das Denken. Im Unterschied zur Mathematik kennt sie keine formalen Beweisverfahren. Man philosophiert einzig, indem man fragt, argumentiert, bestimmte Gedanken ausprobiert und mögliche Argumente gegen sie erwägt, und darüber nachdenkt, wie unsere Begriffe wirklich beschaffen sind.

Das Hauptanliegen der Philosophie besteht darin, sehr allgemeine Vorstellun­gen in Frage zu stellen und zu verstehen, die sich ein jeder von uns tagtäglich macht, ohne über sie nachzudenken. Ein Historiker mag fragen, was in einem bestimmten Zeitraum der Vergangenheit geschah, doch ein Philosoph wird fragen: "Was ist die Zeit?" Ein Mathematiker wird das Verhältnis der Zahlen untereinander erforschen, doch ein Philosoph fragt: "Was ist eine Zahl?" Ein Physiker wird fragen, woraus die Atome bestehen und was für die Schwerkraft verantwortlich ist, doch ein Philosoph wird fragen, woher wir wissen können, dass es außerhalb unseres eigenen Bewusstseins etwa gibt. Ein Psychologe mag untersuchen, wie ein Kind eine Sprache erlernt, doch ein Philosoph fragt eher:

"Was ist dafür verantwortlich, dass ein Wort eine Bedeutung hat?" Jeder kann sich fragen, ob es unrecht ist, sich ohne eine Eintrittskarte in Kino zu schlei­chen, doch ein Philosoph wird fragen: "Was macht etwas zu einer rechten oder unrechten Handlung?"

Wir könnten unser Leben nicht führen, würden wir unsere Vorstellungen von der Zeit, den Zahlen, von Wissen, Sprache, Recht und Unrecht nicht die meiste Zeit unhinterfragt voraussetzen; in der Philosophie jedoch machen wir diese Dinge zum Gegenstand der Untersuchung. Wir sind bemüht, unser Verständ­nis der Welt und unserer selbst ein Stück weit zu vertiefen. Die ist offensicht­lich nicht leicht. Je grundlegender die ldeen sind, die wir zu erforschen versu­chen, umso weniger Werkzeug haben wir hierfür zur Verfügung. Nur weniges darf angenommen oder vorausgesetzt werden. Die Philosophie ist daher eine etwa schwindelerregende Tätigkeit, und nur wenige ihrer Ergebnisse bleiben langfristig unangefochten."

Thomas Nagel: Was bedeutet das alles? Reclam, 2008, S.6f

Dieser "schwindelerregenden Tätigkeit" können sich Schülerinnen und Schüler des GaS ab dem 10 Schuljahr unter Anleitung von Michaela Vus widmen. Dabei lernen sie die grundlegenden philosophischen Fragestellungen und die bedeutendsten Antworten verschiedener Philosophen durch die Jahrhunderte kennen; selber zu philosophieren, die richtigen Fragen zu stellen und mögliche Antworten zu finden, kommt dabei aber nicht zu kurz.

Externer Link: Lehrplan Philosophie