Wenn die Seele springt

Schon vor der Premiere von "Seelensprung - written on your skin" wurden neugierige Stimmen laut, um was es denn in dem angekündigten Theaterstück ginge. Soll mit dem Titel das Springen, also Hüpfen gemeint sein oder vielleicht die geringe Entfernung zwischen zwei Orten, ein Katzensprung? Oder hat der Titel des neuen Theaterstücks vielleicht etwas mit dem Sprichwort "jemandem auf die Sprünge helfen" zu tun?

Nein. Wer die Szenencollage des Grundkurses Darstellendes Spiel „Seelensprung“ bei der Premiere am 7. November 2014 in der Aula des Gymnasiums am Steinwald mitverfolgen konnte, weiß genau, um was es geht. „Sprung“ bedeutet in diesem Kontext „feiner Riss“, eine Art Narbe, eine Verletzung, die der eigenen Seele im Laufe des Lebens zugefügt wurde. Etwas, das für immer sichtbar bleibt; etwas, das einem quasi auf die Haut, in den Körper „geschrieben“ ist; etwas, mit dem man lernen muss, zurechtzukommen.

Vor großem Publikum gelang es den Schülerinnen und Schülern ein Stück auf die Bühne zu bringen, das berührte.

In allen Szenen wurden verschiedene Arten des Verletztwerdens mit viel schauspielerischer Körperarbeit und minimalistischer Kulisse und Requisiteneinsatz präsentiert. War es zunächst das unvorhersehbare Ereignis einer Kindesentführung, das durch den starken Ausdruck in Mimik und Gestik dem Publikum Gänsehaut bereitete, folgte in der nächsten Szene die Verletzung über Worte, die dem für Außenstehende seltsam anmutenden „Vogelnerd“ aufgrund seiner Andersartigkeit von seinem Umfeld zugefügt wurde.

In einer der abstraktesten Szenen des Stückes wurde nun das Verletztwerden nicht mehr nur durch Worte, sondern durch rohe Gewalt gezeigt, da in dieser Szene eine Vergewaltigung angedeutet wurde. Hier sah man zunächst eine Art harmonisches Gebilde, in Form eines Spieluhrentanzes, aus dem ein Mädchen brutal von einem Täter herausgerissen wurde, und sie nach dem schrecklichen Erlebnis von der harmonischen Gemeinschaft ausgeschlossen blieb und nicht mehr in den Rhythmus des Ganzen hineinfinden konnte.

Auch die Szene, in der eine Putzfrau von einer Schülergruppe im verschmutzten Klassensaal mit Worten und Taten verbal bedroht wird, vermochte das Publikum zu fesseln, da hier das Gefühl der Bedrohung durch eine übermächtige Gruppe ungefiltert in den Zuschauerraum gespült wurde. Direkt im Anschluss an diese Szene sah man schließlich, wie eine aus einer Klassengemeinschaft ausgeschlossene Schülerin immer wieder versuchte, Anschluss zu finden und über ihre Bedürfnisse und Probleme zu sprechen. Auf ihrer Suche nach ehrlichen Zuhörern blieb sie erfolglos: weder Mitschüler, noch Lehrerin, noch Eltern schenkten ihr die Zeit, die sie gebraucht hätte, um sich am Ende nicht in ihrer Verzweiflung das Leben zu nehmen.

Ja. „Seelensprung“ ist düster. Bedrückend. Nachdenklich stimmend. Soll es auch.

Nicht allein durch die mahnende Stimme aus dem Off, die nach jeder Szene das Publikum fragt, was eigentlich gewesen wäre, wenn im Vorfeld etwas anders gelaufen wäre, wenn man sich zum Beispiel mehr Zeit genommen hätte, anderen nicht nur oberflächlich zuzuhören.

Die finale Szene zeigte schließlich, wie wichtig es ist, sein eigenes Handeln als Teil einer Gruppe zu reflektieren. Hier standen die Worte „Akzeptanz“, „Rücksicht“ und „Respekt“ im Vordergrund, welche in Form von drei chorisch gesprochenen Definitionen schrittweise in den Zuschauerraum getragen wurden und damit die so genannte 4. Wand durchbrochen, d.h. das Publikum über die Bühnenrampe hinweg angesprochen wurde.

Durch die weitgehend unbeantwortete Frage „Was wäre, wenn ...?“ am Schluss des knapp vierzigminütigen Stückes entließ der Grundkurs Darstellendes Spiel Klasse 12 von Frau Stroh sein Publikum mit genügend Stoff zum Nachdenken und einer gewiss zentimeterdicken Schicht Gänsehaut.

 

Bildergalerie Seelensprung